Indikatorpilze für hohe Bauwerksfeuchte
2. Scopulariopsis brevicaulis
Scopulariopsis brevicaulis (Sacc.) Bainier, in Bul. Soc. Mycol. France 23: 99-103, 1907;
Syn.: Penicillium brevicaulis Sacc. 1881
Teleomorph:
Microascus sp. - schwarze Perithecien, eingebettet in Myzel von Scopulariopsis sp. (Lupenaufnahme) © S. Petzoldt Microascus brevicaulis S.P. Abbott
Klassifikation: Microascaceae, Microascales, Sordariomycetes, Ascomycota
Zitat: Abbott, S.P., Sigler, L. & Currah, R.S. 1998, Mycologia 90: 298
Verbreitung und Vorkommen:
Pilze der Gattung Scopulariopsis, insbesondere Scopulariopsis brevicaulis kommen außergewöhnlich häufig in der Natur vor (Raper & Thom 1949).
Nach Samson et al. (2000) vorwiegende Habitate:
Indoor-Bereiche, Futter- und Lebensmittel.
Die Art findet weltweite Verbreitung. Häufige Isolierung aus:
Boden, Holz, Stroh, Körnern (insb. Weizen), Früchten (Äpfel), Pfeffer, Sojabohnen, Erdnüssen, toten Insekten, Dung, Papier,
tierischen Produkten wie Fleisch, Käse, Milch, Butter.
Bevorzugt werden organische Substrate, die reich an Stickstoff sind. Das wären bei anthropogenen Substraten tierischen Ursprungs insbesondere Leder, Wolle, Knochen, geräuchertes Fleisch und überreifer Käse. Der ammoniakalische Geruch eines Camembert beweist, dass Scopulariopsis brevicaulis, zum Leidwesen des Feinschmeckers "Fuß gefasst" hat. Ammoniakalischer Geruch verrät allgemein das Vorhandensein dieses Pilzes auf "reifen" organischen Substraten.
Beim Menschen wird er nicht selten auch aus Nagelinfektionen isoliert. Er ist folglich Verursacher von gemeinen Onychomykosen. Weiterhin kann er tiefe gummöse Geschwüre verursachen.
Ähnliche Habitate besiedelt Scopulariopsis fusca Zach, eine Art, die in Innenräumen mit Feuchteproblematik ebenso gefunden wird. Die Konidien sind im Gegensatz zu S. brevicaulis glattwandig.
Mikrofotografien: Vergleich von S. brevicaulis und S. fusca.
Wachstumsansprüche
- Der Schimmelpilz ist in seinen Wasseransprüchen xerophil,
- Wasserpotenzial WPmin -14 MPa (-21 MPa),
- Optimum für vegetatives Wachstum -6 MPa (ca. 0,965 aw).
- Temperatur-Optimum zwischen 24°C und 30°C, Temperatur-Maximum ca. 37°C
- pHopt > 7-8.
Außergewöhnliche biochemische Kenndaten:
- Toleranz gegenüber hohen Tanninsäurekonzentrationen,
- Verwertung von Chitin;
- als N-Quelle nutzbar: Cyanamid, Glucosamin, Methylamin, Dimethylamin;
- Verwertung bzw. Resistenz gegenüber mikrobizid wirkenden Schwermetallverbindungen:
- Methylisierung von Quecksilberchlorid, Arsenoxid, Arsenaten, Selenaten, Seleniten und Telluriten (Challenger, 1932).
Arsenresistenz und wirtschaftliche Folgen
Besondere Resistenz gegenüber Arsenverbindungen (siehe auch Porenschwämme)
befähigt ihn zur Verwertung von arsenhaltigen Substraten. Wasserlösliche Arsenverbindungen sind an und für sich starke Insektzide mit ebenfalls fungizider Wirkung. Arsen als Beimengung in kupferhaltigen Holzschutzmitteln wirkt als Co-Fungizid.
Scopulariopsis brevicaulis vermag hier eine Nische zu besetzen und Arsen in seinen chemischen Verbindungen zu verstoffwechseln. Diese Eigenschaft wurde in der Geschichte leider erst durch schwerwiegende Krankheiten oder gar durch tödliche Unfälle bekannt. Seit 1890 (Goio) weiß man um die Zusammenhänge. Erst mit den Todesfällen von zwei Kindern in Wales, dem spektakulären "Forest of Dean Case" von 1932, befasste man sich biochemisch intensiver mit dem Problem.
Worin liegen die Zusammenhänge?
In der bis zum 2. Weltkrieg üblichen Verwendung von "Schweinfurter Grün" (Pariser Grün, Miets Grün) oder Scheeles Grün (engl. Scheele´s Green", ) als Farbstoffe für Tapetenaufdrucke oder als Grün-Pigmente für Kalkanstriche liegt das gesundheitliche Problem. Aus diesen Pigmenten wird unter feuchten Verhältnissen, nicht nur ein Problem früherer Wohnungen, die Entwicklung von
Scopulariopsis brevicaulis selektiv gefördert, der folglich gesundheitsschädliche gasförmige Stoffwechselprodukte (MVOC) produziert.
Challenger (1932) analysierte erstmalig die arsenhaltigen MVOC des Pilzes. Durch biologische Methylisierung des Arsens entsteht
Trimethylarsin (CH
3)
3As.
Schweinfurter Grün - Cu(CH3COO)2 x 3 Cu(AsO2)2
Scheeles Grün - CuHAsO3
Toxizität von Arsinen
Gasförmige Arsenverbindungen sind sehr giftig, die noch in einer Konzentration von 1:20.000 in der Atemluft toxisch wirken. Im Warmblüter wird eine starke akute Hämolyse verursacht, die nach einer Latenzzeit von 4-5 Std. zu Erbrechen, Parästhesien (Missempfindungen auf der Haut), Auftreten von Hämoglobin und -derivaten im Urin, schließlich durch Verstopfen der Nierenkanälchen zum Nierenversagen führt.
Biologische Arsenprobe mittels Scopulariopsis brevicaulis:
Die Arsengase riechen allesamt nach Knoblauch, selbst in den geringsten Gas-Konzentrationen ist dieser typische Geruch noch wahrnehmbar. Dieser Umstand wurde auch erstmalig von Gio (1890) zum Nachweis von Arsenkontaminierungen in Futter- und Nahrungsmitteln genutzt. Diese sogenannte biologische Arsenprobe wurde soweit entwickelt, dass mit ihr Arsenkonzentrationen von < 1ppm nachgewiesen werden können (Smith & Cameron, 1933).
Prinzip der Biologischen Arsenprobe:
Arsenfreies Nährsubstrat wir mit dem verdächtigen Probematerial vermischt. Auf den so vorbereiteten Nährböden wird
Scopulariopsis brevicaulis aufgeimpft und unter optimalen Bedingungen in der Brutkammer angezogen. Der knoblauchartige Geruch im Kulturgefäß verrät somit die Anwesenheit von Arsenverbindungen.
© September 2006 by Selmar Petzoldt