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Historische Berichte über Faulfieber

Mitteilungen des Vereins für
Geschichte und Naturwissenschaften"
in Sangerhausen und Umgebung 14. Heft (1920), Selbstverlag des Vereins
Buchdruckerei: Kyffhäuser - Zeitung Sangerhausen

Auszug aus: "Hagelwetter, Ueberschwemmungen, Nasse Jahre 1770/71", Seite 75-76

...1770 war ein sehr nasser Winter; den 15. bis 17. März fiel Schnee, so daß kein Mensch ein und aus konnte; die Saat verdarb.

1771 war wieder ein nasses Jahr; alle Keller und Brunnen waren voll, 323 Acker mußten unbestellt bleiben. "Anno 1771 ist ein Jahr mit Hungersnot, da kein Mensch, kein Freund dem andern hat mögen aus der Not helfen; denn da aller Vorrat von 3 bis 4 Jahren her ist alle worden an Brot und Futter für das Vieh" (Aufzeichnung der Familie Hechler in Riestedt).

1772 dauerte der nasse Winter fort. Große Hungersnot entstand: Roggen und Weizen kostete um Pfingsten 5 Thaler 12 Groschen, Gerste 4 Thaler...

Das Faule Fieber raffte viele Menschen dahin: In Riestedt starben 1771 achtundzwanzig (28), 1772 dreiundfünfzig (53) Menschen (von Neujahr bis Fastnacht allein 20), darunter allein 18 Kinder (höchste Sterbeziffer in Riestedt in früheren Jahren ist 20). 1778 starben 47, allein 30 Kinder; 1792 bis 1799 starben im jährlichen Durchschnitt 30 am Fleck- und Faulfieber (1783 bis 1789 im Durchschnitt 14)...

Anmerkung:

Anhaltende nasse und kalte Jahre verursachten Mißernten, provozierten Hungersnöte unter der damaligen Bevölkerung. Die geringen Ernten von Futter und Getreide verschimmelten auf dem Feld.

Hochtoxische Schimmelpilze wie Fusarium spp., Stachybotrys chartarum, Trichothecium sp. etc. wachsen gut unter nass-kühlen Verhältnissen, kontaminierten Heu, Stroh, Futter- Brotgetreide etc.. Die hungernde Bevölkerung war auf diese verschimmelten Ernten angewiesen. Es gab keine Ausweichmöglichkeiten an unkontaminierte Futter- und Lebensmittel zu gelangen!

Die Gifte dieser Schimmelpilze verursachen ATA (Alimentäre Toxische Aleukie), die in der damaligen Zeit auch unter die Beschreibung des Faulfiebers fiel. Diese alimentär bedingten Endemien schwächten sich sukzessive nach Einführung der Kartoffel, aber erst nach Durchsetzung des Anbaus in den 40iger Jahren des 19. Jahrhunderts ab.

In grossem Maße brach diese Krankheit in der Neuzeit in Rußland im Permgebiet, während und kurz nach dem 2. Weltkrieg aus. Durch Nässe verdorbenes Getreide wurde in der Notzeit des Krieges dennoch zu Brot verbacken. Im Winter 1946 waren in besagter Region mehr als Tausend Todesopfer auf Grund von ATA zu beklagen (Joffé, 1961).

"Mykotoxine und ihre Bedeutung"

 


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